16. September

triggern

Im Zusammenhang mit dem Teilen und Weiterleiten von Artikeln oder Geschriebenem von mir oder über mich,
gab es jetzt, ab und zu, sogenannte „Trigger-Warnungen“.
Da wird dann sehr fürsorglich gewarnt, dass tote Kinder im Text vorkommen.

Es gab auch Kommentare, die sich eine Trigger-Warnung gewünscht hätten.

Mir fehlt gerade die Zeit es zu entwerfen, aber ich wünsche mir so ein Shirt-Design.

Dies fand ich nett.

Passt auf euch auf und sorry for triggering ab und zu without warning.

 

 

25. August

Ogul

Das erste Taxi will mich nicht von Kreuzberg nach Hause fahren.
Es ist kurz nach 3:00 Uhr.
Nee, zu weit, hab gleich Feierabend.
Er setzt mich an der nächsten U-Bahnstation ab.
Von hier finden sie sicher jemanden, der sie fährt. Sorry.

Ich frage, noch bevor ich in das nächste Taxi einsteige, ob es wirklich ok wäre,
wenn er mich bis nach Falkensse fahren würde, auch wenn das richtig richtig weit ist.
Aber natürlich, meine Dame, was für eine Frage.
Ein großer, breiter Türke mit tätowierten Armen.
Im Auto riecht es nach Red Bull und er bietet mir Süssigkeiten an.
Nein Danke, sage ich, dann ein bisschen SmallTalk.
Warum man so weit raus zieht und so. E-Roller, Kurzstrecken, all dieser Kram.
Dann schweigen wir, ich schaue raus, das nächtliche Berlin zieht vorbei,  die immer noch laue Sommerluft weht durchs offene Fenster rein.
Schlafen sie? Fragt der Taxifahrer auf der Heerstraße.
Nein, gar nicht, antworte ich.
Ich würde mir gern kurz an der Tankstelle was zu trinken kaufen. Wäre das ok für sie? Sicher? Ganz ehrlich?
Natürlich, können sie machen, mir recht.
Soll ich ihnen was mitbringen? Ein kaltes Getränk? Was zu essen?
Nein Danke. (Hatte genug Getränke)
Er kommt zurück und reicht mir eine Tüte.
Ein Schokocroissant, ganz frisch. Bitte, essen sie.
Ich beiße rein, habe zwar keinen Hunger, aber es ist so nett von ihm.
Er erzählt, er hätte einen langen Tag gehabt, jetzt ist auch gleich Feierabend, nein, gearbeitet nicht so lange, aber früh aufgestanden, seiner Frau mit den Kindern und allem geholfen.
Ich frage ihn aus.
Drei Kinder. Ja, noch klein, 12 Monate, zwei und fünf. Nein, alles Mädchen.
Na, sage ich.
Dann wird das vierte sicher ein Sohn.
Er blickt sich kurz um.
Ja.
Es war ein Sohn, er ist zur Welt gekommen und direkt nach der Geburt gestorben.
Vor einer Woche haben wir ihn beerdigt.
Ohnein, sage ich, versuche das Croissant zu schlucken.
Das tut mir leid.
Ja, schlimm. Aber es sollte wohl so sein, er ist nun im Himmel, bei Gott.
Mmmh, antworte ich.
Mein viertes Kind, mein Sohn ist auch gestorben.
Mein herzliches Beileid, antwortet er.
Er war drei? Das ist schlimm.
Aber er ist auch im Himmel, bei Gott. Es geht ihm gut. Glauben sie mir.
Jaja.

Wir schweigen.
Ich frage nach seiner Frau, wie es ihr geht und er meint,
es geht schon, er bringt sie zum Lachen.
Das kann er gut.
Wir reden und schweigen.

Ich sage zu ihm:
Ist es nicht komisch, dass ich in ihr Taxi eingestiegen bin?
Dass wir beide unsere Söhne verloren haben?
Ich glaube, diese Begegnungen sind nicht zufällig, irgendwie nicht.
Kann nicht.

Er meint, nein, sind sie nicht, oder?
Sie haben sich sicher getroffen.
Ihr Sohn hat meinen empfangen, im Himmel und uns zusammengeführt.
Um uns zu zeigen, seht! Alles ist gut.

Ich weine. Ja. Bestimmt ist das so.

Als er anhält, weil wir da sind, bezahle ich.
Hat er einen Namen? frage ich.
Ich habe ihn Sohn genannt. Oğul.
Schön. Das klingt schön, mein Sohn heißt Nils.
Wie der mit den Gänsen.
Auch schön, findet er.
Wir reichen uns die Hand.
Es war mir eine besondere Ehre, sie fahren zu dürfen,
haben sie vielen Dank, und alles Gute in ihrem Leben, sagt er.
Ich danke ihnen, ihnen auch.

Danke.

(echt passiert, gestern)

28. März

nichtmehr.jpg

 

-nichtmehr-

Nachdem ich gestern ins Buch gezeichnet hatte,
blätterte ich abends etwas weiter und fand das hier.
Genau, was ich vorher im Wald nicht ausdenken konnte.
Mit allem drin über den Frühling und Alles.

Also an seinen schlechteren Tagen.

Mein Freund Rilke.

15. März

Kaum hatte ich gestern beim Arbeiten irgendwann den Gedanken,
mir würde eigentlich eine wegweisende Eigenschaft fehlen,
nämlich die Gutallgemeineratschlaggebenkönnende, 
fiel mir dann plötzlich ein echt praktischer in die Hände und ein
und den gebe ich jetzt mit Überzeugung und vollweisheitgelöffelt weiter:

Was man morgens beachten sollte, wenn man sehr traurig ist.

fürmorgens

5. März

Nilsweh.jpg

Gestern erst habe ich dieses Wort gefunden.

Nilsweh.

Nicht zu vergleichen mit Heimweh, Fernweh, Bauchweh, Herzweh, Halsweh.
Nicht so allgemein und abgewetzt wie Trauer.
Wir hier haben gerade sehr viel und sehr schreckliches Nilsweh.

(jeder kann natürlich variabel den Namen vor das „WEH“ setzen, der sein muss. Praktisch.)

2. März

wehren.jpg

 

 

Als ich in der ersten Klasse war, bin ich alleine mit dem Bus durch Berlin zur Schule gefahren.
(fast alleine, meine Mama meint, sie beschattete mich eigentlich heimlich…aber egal.)

Einmal, auf dem Nach-Hause-Weg saß ich vorne auf dem Vierer, umringt von Omis.
Meine Beine reichten noch nicht bis auf den Boden.
Mir gegenüber war ein Junge, der war schon richtig groß, ungefähr vierte Klasse.
Er streckte mir permanent die Zunge raus und ärgerte mich den ganzen Weg lang.
Vielleicht dachte er, er könne mich einschüchtern oder zum Weinen bringen.

Irgendwann holte ich mit einem feinen Schwung aus, zielte, und trat ihn wortlos volle Karacho vors Schienbein.
Seinen erstaunten Blick werde ich nie vergessen.

Und auch nicht mein Gefühl, als ich dann aufstand und nach hinten zum Ausstieg ging.
Mich recken musste um den Stop-Knopf zu drücken und wartete, bis der Bus hielt und sich die Tür öffnete.
Ich spürte die Blicke der Omis, die nicht strafend, sondern voller Respekt waren.
Klar zitterten mir draussen die Knie, aber ich fand mich auch echt gut.

Ich halte nichts von Gewalt, auch nichts von Treten oder Schlagen.
Aber viel davon, sich überhaupt gar nichts gefallen zu lassen.

29. Dezember

Titel2019

Ich habe mich an meinen eigenen Kalender so sehr gewöhnt, dass ich ihn mir kurz vor Jahresende, spätestens Anfang Januar, leider selber machen muss.
Während der Feier-und Zwischentage habe ich also meine
dicke rote Gesamtausgabe zur Hand genommen
und gemeinsam mit meinem Freund Rilke nach kleinen,
jahreszeitlich passenden Worten gesucht.
Sie dann am Küchentisch illustriert, weil es dort so gemütlich war.

Und bin   p ü n k t l i c h   fertig geworden!

Sicher ist irgendwo wieder ein Fehler versteckt,
und hundertprozentig perfekt ist auch nicht alles,
aber wenn euch meine eigenen bescheidenen Ansprüche genügen,
so ladet euch den Kalender runter, ganz nach eurem Wohlgefallen.
HIER.

Oder rechts im Menü aufs Kalenderbild klicken.