16. August

Steindame

Ich habe nicht viel gezeichnet, in den Ferien, aber mehr, als in vorherigen Urlauben, schon. Diese Dame zum Beispiel, die nicht mal blinzelte, während ich versuchte, sie zu portraitieren.

„Haben sie auch manchmal das Gefühl, sie hätten ihre Mitte verloren, Madame? Und was halten sie davon, so auf den Sockel gestellt zu werden? Warum so versteinert? Nein, ich kann sie nicht woanders hinstellen, glauben sie mir, dort ist auch nicht mehr zu sehen. (…Lüge) Der Grünspan steht ihnen jedenfalls formidable, mon a Li- beee.“

Die war so vornehm, zu vornehm, um zu antworten. Was ich gut fand.

 

6. Juli

Wir hatten einen schönen Tag. Widersprüchlich? Joa. Aber die Idee, an den Strand zu fahren, mit dem jungen und dem alten, tattrigen Hund und mit Angeln und Keksen und Bier, ohne Zeitplan und grosse Erwartungen, abgesehen vom Fischbrötchen, war so gut. Ich musste einfach viele Bilder machen. Von all den kleinen Dingen. Mit einem wahnsinnig verrückten Sonnenuntergang am Abend. Kurz bevor es ganz dunkel wurde, flog dann noch eine einzelne Wildgans über unser Auto.

Es war, als würde uns jemand die ganze Zeit sagen wollen, dass alles gut ist. Und ja: Ich finde, man überlebt nur mit dem Willen, Zeichen zu sehen und an sie zu glauben. Man sollte sie nur nicht zerreden. Also höre ich jetzt auf.
(sagt bloß nichts zu diesem kitschigen Engelchen)

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Im Uhrzeigersinn: Strandstille. Mein Fundstück. (etwas dick aufgetragen, aber naja… man nimmt, was man findet, haha). Ferdinand im Meer. Spielen, Irgendwas suchen, Angeln (nicht im Bild).
3
Steine schmeissen. Schiefer Baum. Wildgänse (sieht man nicht, sie fliegen aber da vorbei, ich schwöre!) Beginn der Lightshow.
2
Müder Hund. Fröhliches Kind. Mit Papa. Edwin mit Möwenfeder.

Danke für all eure Nachrichten, Gedanken und Ballons!

5. Juli

Ballon

Der Tag heute ist zum Trauern da. Zum Mitleiden, Mitmuten, AnDenken, Weinen und Schreien. Die Vorstellung, dass heute so gut wie alle mit uns an Nils denken, finde ich schön.

Wir fahren in der Zwischenzeit an den Steine-Strand.

Danke fürs Dasein.

4. Juli

Habe ein feines Seminar gefunden: Guckt mal hier.

Ich biete den Teilnehmern vielleicht an, in einer praktischen Zusatzübung die gängigen Floskeln: Herzliches Beileid, Es tut mir leid, mein Mitgefühl und so, an mir persönlich zu üben.

Würde mich da stundenweise im Anschluss an die Veranstaltung zur Verfügung stellen.
Vielleicht. Aber wäre ja auch wichtig, das zu lernen, finde ich.

Schwertversenkt

30. Juni

Badeanzug

 

Mein Handy war dann plötzlich alle, so konnte ich leider kein Selfie machen.
Besser so, denn dies ist sicher auch die vorteilhaftere Perspektive.

(Ich finde, es kann jetzt aber auch aufhören. Und mein Mitgefühl all denen, deren Keller, Schuhe  und so vollgelaufen sind. Und deren Hunde in die Wohnung Pipi machen, weil sie nicht rauswollen.)

29. Juni

regen

Ich mag apokalyptisches Wetter. Hier schüttet es seit Stunden. Auf der Zeichnung ich beim Pferde von der Wiese holen, vorhin.
Gleich plane ich, mir für den Stalldienst einfach nen Badeanzug anzuziehen. Bild folgt.

Der Strich ist magically* aufs Papier geraten und wurde deshalb nicht weggephotoshopt**.

 

*Wir achten darauf, englische Begriffe ganz natürlich in unsere Sprache einfliessen zu lassen, damit die Kinder quasi **multilingual aufwachsen. 

 

26. Juni

Wir haben Daisy über die Windhundhilfe vermittelt bekommen.
Ich habe sie ungesehen einfach irgendwo im Norden abgeholt und nach Hause gebracht. Sie passte zu uns, genau, wie sie es gesagt hatten.

Eine schwarze, klapprige Greyhoundhündin, die in ihrem Leben noch nie Treppen gelaufen war und bei jedem Steinchen im Wald jammerte und sich die empfindlichen Ballen blutig piekste. Sie kam von einer Rennbahn und lebte, bis sie zur Pflegestelle kam, wahrscheinlich ausschließlich auf glattem Beton.

Als sie zu uns kam, war Julius ungefähr zwei Jahre alt.
Einmal, ganz am Anfang, stolperte er und landete rittlinks auf ihr.
Beide schrien vor Schreck wie am Spieß, aber Daisy rührte sich nicht von der Stelle, so dass ich den kleinen Julius vorsichtig von ihrem Bauch heben und so beide retten konnte.
Natürlich bleibt man immer vorsichtig bei Kleinkindern mit Hunden. Aber von dem Moment an vertraute ich ihr.

Ein ganzes Jahr habe ich jeden Morgen einen Kackhaufen aus der Küche geräumt, bis sie verstanden hatte, damit zu warten, bis wir sie raus lassen.
Komisch, war zwar blöd, aber so richtig aufgeregt hat es mich nicht.
Sie war einfach zu lieb, um ihr böse zu sein.

Ich kann mich nicht erinnern, ob wir sie jemals an der Leine führen mussten.
Sie hat nie etwas geklaut. (und DAS ist ungewöhnlich für einen Greyhound)
Mit anderen Hunden hatte sie keine Probleme.
Noch nicht mal mit Ferdinand. Den hatte sie unterm Pantoffel.

Ihre Gabe war es, Kinder zu verzaubern.
Ganz sanft war sie, ganz still.
Sie durfte einmal sogar mit in die Schule, als Referats-Anschauungsobjekt.
Daisy war jedesmal Ostern mit an der Ostsee.
Hat im Winter nie gefroren.
Sie neigte etwas zu Zahnstein, der wiederum, sofern er nicht frisch entfernt war, zu ziemlichem Mundgeviecher führte.

Niemandem war das so egal wie Nils. (ausser jetzt Edwin)
Meine Daisy, sagte NIls immer und nahm sie in seine Arme.

Das Laufen fiel ihr in den letzten Jahren immer schwerer.
Und Brummfliegen, Gewehrschüsse und Silvester.

Heute morgen haben wir sie einschläfern lassen, weil die Schmerzen zu doll wurden.

Ich schreibe das hier, weil Daisy zu unserer Familie gehörte.
Wehe, irgendwer kommentiert mit Mein Beileid oder so…. das lösche ich dann.

Nicht, weil ich nicht trauere, um sie, das tue ich schon.
Aber eher so – wie man eben um einen Hund trauert.
Sie war ein guter Hund.

Mit einem Hundeherz aus Gold.

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hier wurde sie mal schick gemacht.