7. Oktober

Gestern spazierte ich kurz über unser Klinikgelände.
Kurzentschlossen, einfach so, um noch einmal dort zu sein,
wo wir eine intensive, innige und – hört sich verrückt an-
schöne Zeit hatten.
Wir waren dort so eng mit Nils zusammen.
Ich habe die ersten drei Regentropfen seit Wochen unmittelbar nach Betreten der Allee abgekriegt und bin von einer riesigen Kastanie abgeschossen worden.
Habe gelächelt.
Zwei bekannte Väter getroffen, rauchend draussen unter den Bäumen.
„Na? Wie geht’s euch?“ haben sie mich gefragt.
„Er ist doch tot“, habe ich geantwortet,
und wie erstaunt sie waren.
Nicht so schockiert wie normale Menschen, denn die Eltern dort sind abgehärtet, geübt im Aufnehmen von schrecklichen Nachrichten.
Die Angst ist ihr Gefährte, ihr Leben eine Blase, ein eigener Kosmos,
der sich um ein kleines fragiles Leben dreht.
Was mich wundert, ist, dass sie nicht wussten, dass Nils gestorben ist.
Und ich hatte ein schlechtes Gewissen, es ihnen gesagt zu haben.
Wie hätte ich reagiert, in der Zeit von Nils Krankheit, wenn ich von dem Tod eines unserer Mitpatienten gehört hätte?
Wäre ich zusammengebrochen, hätte noch mehr Angst gekriegt,
hätte ich das Vertrauen verloren?
Also ich nicht,
aber ich bin da vielleicht kein Maßstab.
Und wie es anderen geht, kann und sollte ich nicht beurteilen.
Man konzentriert sich aufs Gesundwerden.
Und das ist ja richtig.
Mich trifft es trotzdem, dass ein kleiner Patient dann einfach „weg“ ist.
Ist das ganz bewusst entschieden,
die toten Kinder tot zu schweigen?
Zum Schutz der Kranken?
Zur Schonung der Eltern?
Ist das üblich so?
Ich hasse Schweigen.
Ich glaube, es ist okay, den Beiden von Nils erzählt zu haben.
Die werden dadurch nicht schwächer werden oder noch verzweifelter.
Hoffentlich.
Ich weiß, Nils ist auch häufig dort,
steht (äh…schwebt) am weltbesten Tisch-Kicker
und sorgt für gute Stimmung.
Wäre doch schön, wenn es alle wüssten.

 

15 Kommentare zu „7. Oktober“

  1. Ich kann es mir so gut vorstellen, da kommst Du auf Netteste und so typisch dreieinhalbjährig begrüßt -naßgespritzt und abgeworfen- zu diesem Ort mit so intensiven und schönen Erinnerungen (was ich überhaupt nicht verrückt finde), um dann zu erfahren, dass Euer Schicksal mit keinem Wort auch nur erwähnt wurde. Vielleicht darf die Klinik solche Nachrichten gar nicht weitergeben, vielleicht fragen Eltern in so einer Situation aus reinem Selbstschutz auch nicht von selbst nach dem Verbleib anderer Patienten, vielleicht waren auch einfach alle der festen Überzeugung, dass es Nils einfach nur wieder besser gehen kann, dass er vielleicht nicht mehr da ist, weil sich seine Behandlungszeiten verschoben haben oder er nur noch Tagestermine hat. Es sah doch auch alles so sehr danach aus, dass es wieder gut werden würde. Aber den Tod jetzt einfach so totzuschweigen, das funktioniert nicht. Das geht generell nicht. Man kann nicht einfach so tun, als gäbe es ihn gar nicht. Das lässt ihn nur furchtbar, unendlich mächtig, geheimnisvoll und finster erscheinen. Dabei ist er das gar nicht. Er begleitet uns von Anfang an, mal ist er weiter weg, mal näher an uns dran – und gerade auf Kinderkrebsstationen ist er so nah, dass es eine Unverständlichkeit ist, dass er nicht auf behutsame Weise einfach mit dazu gehört. Denn das tut er, ob wir das nun wollen oder nicht. Eigentlich möchte er uns doch helfen, uns in diese andere Welt begleiten, wenn es eben an der Zeit dafür ist (so schwer zu akzeptieren, ich weiß…) Dass Du den beiden davon erzählt hast, das war nicht nur okay, das war so SO richtig. Sie haben es nicht verdient, angelogen zu werden, auch im Sog des schlimmsten Sorgenstrudels überhaupt, nicht. Denn gerade dann sollte man doch wissen, dass das Leben auch mit so einem Verlust weiter geht. Sehr, sehr anders zwar, aber weiter geht es. Zu wissen, dass ein Kind, dass es nicht geschafft hat, hier zu bleiben, nicht das Ende für alle und alles bedeutet, dass auch über Kickertischen schwebende Kinder noch unter uns sind, das muss einem doch gesagt werde, das trägt doch auch über diese schwere Zeit hinweg, kann Kraft geben, verschafft noch intensivere Gefühle im Jetzt und spendet Trost und Mut, falls tatsächlich ein „Danach“ auftreten sollte.
    Ich bin Dir so dankbar, dass Du erzählst, zeichnest, dass Du eben nicht schweigst- bewundere Dich für aufrechte Haltung, Deinen Witz, den Du noch in Dir trägst, Dein Nicht-Verstummen. So viel konnte ich daraus auch für mich ziehen… Danke. Ich verbeuge mich zutiefst, immer und immer und immer wieder.

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  2. Ja, ich glaube, das wird verschwiegen, um den anderen Eltern nicht noch mehr Angst zu machen, als sie sowieso schon haben. Als ob das ginge. Noch mehr Angst.
    Wenn wir heute Kastanien sammeln, dann weiß ich schon, an wen ich dabei denke.

    Herzlich, Katja

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  3. Ich kenne Euch nicht persönlich, nur aus diesem Blog, denke aber oft an Euch. Einfach weil mich Eure Geschichte betroffen gemacht hat aber vor allem zeigt nicht blind durchs Leben zu laufen sondern sich zu bemühen jede Minute zu genießen. Euer kleiner Nils ist im Bewusstsein sovieler Menschen, das finde ich einfach wunderbar.

    Herzliche Grüsse
    Susi

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  4. ich werde jetzt nicht nur bei jeder sternschnuppe,bei jeder wattewolke, bei jeder laufente, bei jedem hahn (und bei vielem anderern mehr) an nils denken, sondern jetzt auch beim kastaniensammeln. und bei jedem kicker werd ich ihm zulächeln.
    wie gut, dass du so offen bist, so ehrlich, so mutig.
    ganz liebe grüße!

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