4. Kapitel

waschmaschineschwarzweiss

Nach ein paar Wochen liegen zwei unabhängige Gutachten auf dem Tisch des zuständigen Staatsanwaltes.

Gutachten A ist von ihm in Auftrag gegeben worden, wurde vom Kinderonkologen Chefarzt a.D. abgelehnt und weitergereicht an eine Oberärztin in Hamburg, die laut Internet mit einem der Beklagten mehrfach publiziert hat. (… die kennen sich! kein Witz!) Ein schlichtes, auch für Laien leicht verständliches Gutachten über sieben Seiten, in dem sie zu dem Schluss kommt, dass nichts auf eine Bauchspeicheldrüsenentzündung hindeutete, und man deshalb auch keine Diagnose stellen konnte. Ohne Diagnose, keine Therapie. Kein Fehler. Logisch. Und noch besser: Selbst wenn man die Pankreatitis erkannt hätte, ob eine Therapie den Tod hätte vermeiden können, wäre ohnehin fraglich.

Gutachten B wurde von uns in Auftrag gegeben. In Absprache mit dem Staatsanwalt, nachdem Gutachten A den Gedanken aufkommen ließ, vielleicht nicht hundertprozentig unabhängig zu sein. Nein, anders: Wir äusserten den dringenden Verdacht, dass es sich eventuell um ein Gefälligkeitsgutachten handeln könnte. Daraufhin schlägt uns der Staatsanwalt vor, doch selbst jemanden zu suchen. Wir finden keinen Kinderonkologen, der sich bereit erklärt und wenden uns an ein Gutachterbüro. Ein Professor für Onkologie erstellt es und wir denken nach dem Lesen so: Yeah. Ein kluges, ausführliches und fundiertes Schriftstück. Von jemandem, der keine Angst vor der Obrigkeit zu haben scheint. Keine Angst vor der Charité.

Gutachten B sieht den Fehler in der Nichterhebung eines Befundes, in der mangelhaften Diagnostik und der daraus resultierenden Nicht-Behandlung. Logisch.

Wir haben also Gutachten schwarz und Gutachten weiss. A und B. Oder B und A. Je nachdem.

Der zuständige Staatsanwalt informiert uns, dass er dabei ist, ein drittes Gutachten erstellen zu lassen, wiederum von einem Kinderonkologen. Kann dauern, meint er, sie wissen ja. Erstmal wen finden. Ja. Wissen wir. Aber logisch, bei zwei so gegensätzlichen Meinungen eine Dritte einzuholen.

Als nach fünf Monaten laut Aktenlage genau nichts passiert ist , beschwert sich unser Anwalt.

Zwei Wochen später stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein.

Seine Begründung bezieht sich auf Gutachten A.

 

(wer sich nicht über den Link oben wundert, ist ein absoluter Insider. Schön, dass sie hier sind. Klick )

 

34 Kommentare zu „4. Kapitel“

  1. Zum Indieeckekotzen. sorry für Kraftausdrücke, aber ich les hier schon so lange auch fassungslos mit, dass nur noch Kraftausdrücke übrig bleiben. Eva

  2. Das ist alles so traurig. Nur mehr mit Macht und Geld kann man zu seinem Recht kommen. Diese langwierigen Gutachten etc. helfen euch ja nicht wirklich weiter, daher ist es das Beste fuer eure
    Familie zu vergeben und vergessen , denjenigen die Fehler machten und denjenigen die nun luegen.
    Dieser Prozess ist sehr schwierig, moege aber euch allen helfen in Frieden weiter zu leben.

    1. Vergeben wäre anzustreben, Vergessen eher schwer. Unseren Frieden. Ja. Haha. Würde mich interessieren, ob die Lügner und Fehlermacher ihren schon gefunden haben, falls sie ihn je verloren hatten.
      Habe diese Entwicklungsstufe noch nicht erreicht.

      1. das nichtvergessenkoennen, war nicht gut von mir ueberlegt und ich kann mir auch gut vorstellen, dass eure
        Familie es niemals tun zu kann. Staatsanwalt H., der Arzt und andere Beteiligte haben wohl kein Gewissen und werden ihren Frieden nicht finden, weil sie ihn nicht suchen bzw. brauchen. ….und auch vergeben ist nicht so
        einfach aber befreiend und ich wuensche euch alles Gute fuer diesen Weg. Habt ihr euren „Fall“ eigentlich
        schon der Presse bzw. einschlaegigen TV-Sendungen zukommen lassen? Erfahrungsgemaess kommt man eher
        zu einem Ergebnis wenn die grosse Oeffentlichkeit darueber informiert wird und daran teil nimmt. Zumindest
        koennt ihr damit aber andere Betroffene damit ermutigen, nicht stillschweigend alles hinzunehmen. Unsere
        Zeit braucht mutige Menschen.

  3. Ich finde es unfassbar, was da abgelaufen ist. Gut, dass ihr es in die Öffentlichkeit tragt!

    Randnotiz an Kari: Wenn dann muss man am Rechtssystem verzweifeln. Die Demokratie hat damit nichts zu tun.

  4. Die eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus!
    Gruselig, das alle irgendwie unter einer Decke stecken.
    Gibt es noch Alternativen? oder wars das jetzt? So unbefriedigend das ganze. Und sehr, sehr traurig…
    Andrea

  5. Unfassbar! Einfach unfassbar! Jedesmal wenn ich eins deiner Kapitel lese, bin ich schockiert und kann es nicht glauben, was da passiert ist. Jedesmal erfasst mich eine große Wut! Und jedesmal denke ich, schlimmer kann es in dem nächsten Kapitel nicht kommen. Und täusche mich doch wieder jedes mal. Heute kocht -wieder mal- die Wut in mir hoch. Wie muss es euch da erst gehen? Und ergangen sein? Ich mag es mir gar nicht vorstellen. Hier, mit Abstand zu euch, denke ich, dass das unbedingt an die Öffentlichkeit kommen muss. Erst töten, dann vertuschen, dann vergessen. Das darf so nicht enden! Was aber für euch der beste Weg ist, kann ich gar nicht beurteilen. Das könnt nur ihr. Für diesen Weg, wohin er auch führt, wünsche ich euch weiterhin viel Kraft!

  6. Im 2. Kapitel hattest du geschrieben, dass im November 2015 die Versicherung der Charité euch ein Schmerzensgeld ausgezahlt hatte, ohne ein weiteres ärztliches Gutachten zu beauftragen.
    Ist das nicht automatisch ein Schuldeingeständnis der Charité?!?
    Ich vermute, es sind nicht nur ein paar Euro gewesen. Wieso sollten sie euch eine größere Summe zahlen, wenn sie mit dem Tod von Nils überhaupt nichts zu tun hätten? Andere krebskranke Kinder, die dort sterben, werden ja vermutlich kein Schmerzensgeld von der Charité erhalten, oder?
    Könntet ihr das nicht im Umkehrschluss als Einspruchsgrund angeben? Im Sinne von: mit der Schmerzensgeldzahlung hat die Charité schon vor über einem Jahr von sich aus unaufgefordert indirekt ein Schuldeingeständnis abgegeben.
    Du hattest damals geschrieben: ‚Die (die Versicherung) sehen das wie wir, denken wir.‘ Da hatte ich automatisch gedacht, dass ihr wohl nur denkt, dass die das so sehen, wie ihr. Dass die es aber in Wirklichkeit eben gerade nicht so sehen, wie ihr. Sind nicht die Versicherung und die Charité im Prinzip ein und dasselbe? Hat die Zahlung nicht den Beigeschmack von Schweigegeld?
    Und hatte dann später gedacht, der Klops würde sein, dass ihr kein Recht mehr auf irgendeine Klage hättet, weil ihr in ’naivem‘ Glauben bereits das Schmerzensgeld angenommen hattet. Und die es nur gezahlt hatten, um sich auf diese Weise eine mögliche Klage im voraus vom Hals zu schaffen.
    Aber das war dann ja offenbar nicht so.
    Beim 3. Kaptitel hattest du am Ende ja auch geschrieben (bzgl.) Staatsanwaltschaft ‚Gut, dass sich jetzt darum gekümmert wird.‘ Und dann wurde sich gekümmert, aber ganz anders als erhofft/erwartet.
    Was hätte der/die beklagten Ärzte zu erwarten? Approbationsverlust? Jobverlust? Geldstrafe? Der Ruf der Charité wäre natürlich auch beschädigt.
    Und was sagt der von euch beauftragte Professor für Onkologie? Kann der nicht noch ’nachlegen‘? Bei einem Erwachsenen hätten sie die Bauchspeicheldrüsenentzündung doch genauso übersehen, weil Übelkeit und Erbrechen gemeinhin (mein Laienwissen) als Chemo-Nebenwirkung eingestuft wird und insofern bei einem Erwachsenen vermutlich ebensowenig weiter untersucht worden wäre, oder? Insofern ist es doch irrelevant, ob der Gutachter ein Kinderonkologe oder ein Erwachsenenonkologe ist?
    Liebe Grüße, Angelika

    1. So ein langer Kommentar! Witzig, das Wort Schweigegeld hatte ich auch vorgestern irgendwo eingetippt. Aber nein, so ist das offiziell nicht. Schriftlich haben wir, dass die Zahlung kein Zugeständnis ist. Oder so. Und doch- Die Versicherung zahlt ganz unabhängig von der Klinik-Charite. Glaube ich. Wäre interessant. Zu wissen, wie die Klinik reagiert hat, als die Zivilklage durch war. Aber diese Dinge erfährt man nicht…
      Ich glaube, vor allem der Ruf würde geschädigt. Unser Anliegen ist es nicht, die Ärzte dort fertig zu machen. Und das hätte ein Verfahren sicher nicht bewirkt. Da sind sie abgesichert genug. Aber – Ach, keine Ahnung. Ist wahrscheinlich eine Sache, wo wir irgendwann einfach verstummen müssen, um nicht albern zu wirken. Und hysterisch. Oder realitätsfern. Du hast in allem, was du schreibst recht.Ich komme noch zu der Begründung, warum nach Meinung des Staatsanwaltes alles takko ist. Nächste Woche. Danke dir.

      1. Melanie, niemals sollt ihr verstummen und nein, nie niemals wirkt ihr albern, hysterisch oder realitätsfern. Verdammt, das was ihr erleben musstet ist die Hölle, ist nicht auszuhalten, ist etwas, für das mir die Worte fehlen, das mir Angst macht und ich danke dir immer wieder für deine Offenheit und deinen Mut.
        In Gedanken so oft bei dir

        alexandra

    2. Nachtrag zu:
      „Könntet ihr das nicht im Umkehrschluss als Einspruchsgrund angeben? Im Sinne von: mit der Schmerzensgeldzahlung hat die Charité schon vor über einem Jahr von sich aus unaufgefordert indirekt ein Schuldeingeständnis abgegeben.”
      Wodurch klar wäre, dass euer Gutachten richtig ist, und nicht das der Oberärztin ‚Coli‘. So dass zumindest ein Schuldeingeständnis, eine Entschuldigung und eine Routinenänderung fällig wären.
      Und eben fiel mir noch auf: Wieso konnte der Kinderonkologe Chefarzt a.D. das ursprüngliche vom Staatsanwalt in Auftrag gegebene Gutachten A einfach ablehnen und an die ‚Dame‘ in Hamburg weiterreichen, die dann ja offenbar eine abgeänderte oder neue Fassung A verfasst hat? War das von ihm abgelehnte Gutachten nicht in seinem Sinne, sondern in eurem Sinne? Falls ja, hättet/könntet ihr den Chefarzt-Einspruch nicht infrage stellen?
      Merkwürdig das Ganze.
      Vielleicht habt ihr die gleichen Überlegungen auch schon alle gehabt, aber vielleicht ist irgendwas brauchbares dabei, das euch weiterhilft.
      Liebe Grüße, Angelika

      1. Habe deine Antwort an mich jetzt erst gelesen nach meinem Nachtrag eben :-/
        Trotz trübem Wetter wünsche ich dir ein innerlich sonniges Wochenende mit noch mehr Schneeherzchen am Fenster und und der Luft. :-)

  7. ich finde es unglaublich und es tut mir leid, dass dieser mutige schritt so im nichts endet. ich hoffe dennoch, dass es hilft – sei es mit taten die hilflosigkeit zu bekämpfen oder mit wut das leere, ich weiß es nicht. ich wünsche euch so sehr einen lichtblick, wie auch immer er kommt, ob durch vergeben oder annehmen oder neue gedanken. ich wünsch euch weiter kraft für alles und – believe! k

      1. nein. melanie, du wirkst nicht SO.

        es arbeitet in uns. und wir finden nicht die perfekten worte. gibts vielleicht auch gar nicht. aber wir sind hier.

        liebe grüße . tabea

      2. es klang für mich so, als wäre es rechtlich am ende – nicht du – vielleicht habe ich die falschen worte gewählt – ich hoffe, es ist dennoch angekommen, dass es gut gemeint war – tut mir leid – fühl dich umarmt

  8. Sorry, noch was ;-) Kann es sein, dass sie die Routine bereits geändert haben, aus Angst vor weiteren Fehler-Fällen? Natürlich, ohne es euch zu sagen. Aber ihr habt doch noch Kontakt zu dem Mann mit der Tochter, der sich auch so aufgeregt hat auf Facebook. Das wäre dann wenigstens ein kleiner ‚Erfolg’…

    Vermutlich werdet ihr nur noch mit Bildzeitung und anderen offensiveren Blättern, die nicht so zurückhaltend sind, wie der Tagesspiegel (?) weiterkommen, im Sinne von ‚Skandal! Immer noch Kinder in Lebensgefahr durch Personalnotstand und schlechte Organisation in der Charité! Wann wird sich endlich dort etwas ändern?‘ o.ä.
    Hier in Hamburg hat vor einigen Jahren eine Kinderärztin im Kinderkrankenhaus Wilhelmstift aus Überarbeitung oder was auch immer einem kleinen Jungen eine zu hoch dosierte Infusion verabreicht, an der er gestorben ist, obwohl er nur für einen Routineeingriff im der Klinik war. Das ging groß durch die Presse. Die Ärztin ist glaube ich entlassen worden und das Ansehen der Klinik wurde glaube ich doch etwas beschädigt. Und ich glaube, sie haben dann/mußten wohl Maßnahmen eingeführt/einführen, damit so etwas nicht noch einmal passieren kann. Das wäre ja auch eines eurer Ziele.
    Nicht aufgeben! Weitermachen – solange es euch guttut!
    Liebe Grüße, Angelika

  9. Wenn du ‚wilhelmstift hamburg kinderkrankenhaus junge gestorben‘ eingibst, kommt der damalige Fall. Ich habe kurz in den Artikel aus der ‚Welt‘ reingelesen. Vielleicht ist der für euch interessant. Auch Pfusch und nachfolgende Vertuschung. Aber dann vom Gericht abgestraft!

  10. Kleiner Fisch gegen großer Fisch – als wäre im Kapitalismus nicht klar, was dabei rauskommt. Da hat Demokratie und Rechtssprechung nicht wirklich eine Chance. Harte Realität. Und nicht gerecht.
    BELIEVE trotzdem, liebe Melanie…

…. ich freue mich über deinen Kommentar!

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