9. Dezember

Das fing damit an,
dass Georg meinem unserem Pferd die Kerze auf den Kopf setzte.
Kerzen haben wir, aus Gründen, (fast) immer überall dabei.
Es sah so nett aus, dass ich zuhause eine Zeichnung davon machte.
Und noch eine und noch eine.
Fertig waren die diesjährigen Weihnachtskarten.
Weil ich auf der Suche nach einem Thema für die kleine Ausstellung war,
die ich mit einem Freund plante,
und mir noch so viele Tiere einfielen, die Kerzen transportieren könnten, dachte ich:
Super. Das ist es.
Nicht tragisch, nicht bemüht witzig, irgendwie süss, aber nicht zu niedlich,
mit Sinn, aber nicht zu schwere Kost.
Einhundertneunundfünfzig Tage sind es vom 5. Juli bis zum 12. Dezember.
Für jeden Tag eine Kerze.
Ok, doch tragisch und auch schwere Kost…
Aber vor allem hell, licht und positiv.
Hoffnungs- und Liebevoll.
Eine ganze Armee von Kerzentieren wurde daraus.
Und ich sass oft da und fühlte mich so wohl dabei.
Manchmal auch nicht, klar.
Glaubt es oder nicht, aber viele der Tiere sind in Absprache mit Nils entstanden.
(Daher gibt es auch verhältnismässig viele Löwen und Affen…und Ritterpferde)
Ich mag den Gedanken, dass ich sie am Samstag zeige,
und einige von ihnen anschliessend woanders einziehen werden.
Nicht nur für Nils, für alle, an die wir uns in Trauer und Liebe erinnern.

Ich verkaufe die Original-Zeichnungen vorerst ausschliesslich in der Ausstellung.
Dann irgendwann auch hier irgendwie.
Ganz sicher werden aber Postkarten entstehen.
Nächstes Jahr.
Und Poster, Tassen, Plüschtiere, Aufkleber, HandyApps, T-Shirts, Mousepads, 
Regenschirme und Kerzenhalter, wisst ihr Bescheid.

Am kommenden Sonntag ist der jährliche Gedenktag für verstorbene Kinder.
Worldwide Candle Lighting
An diesem Tag um 19:00 Uhr stellen überall auf der Welt Menschen Kerzen in die Fenster.
(nicht auf die Haustiere!)

24. November

Bevor Mutmassungen auftauchen, ich würde eventuell wahnsinnig werden, weil ich ständig Tiere mit Kerzen zeichne (und ich tue tatsächlich nichts anderes),
Nein, werde ich nicht. (nicht sehr jedenfalls)
Ein Freund und ich arbeiten an einer klitzekleinen Ausstellung.
Er macht Skulpturen, ich Zeichnungen.
So, jetzt ist es raus, dann kann ich ja weitermachen.

17. November

Und wie erklärt man Kindern, dass ein Kind gestorben ist?

Der Satz: „… war ja schon alt.“ funktioniert nicht.
Das Leben war noch nicht fertig gelebt.
Die Liste der Dinge, die erlebt werden sollten scheint so unendlich lang.
Noch nie alleine Fahrrad gefahren.
Nie Skateboard.
Nie in den echten Kindergarten gegangen.
Nicht in die Schule.
Keine Liebesgeschichten.
Nie geflogen, sich betrunken, Nächte durchgefeiert.
Diese ganzen Millionen Kleinigkeiten und grossen Erlebnisse.
Gute und Blöde.
Es fühlt sich so falsch an.
„Warum musste er denn dann schon sterben?“
Vielleicht geht es ja gar nicht um Erlebnisse.
Vielleicht muss man, wie bei einem Handyspiel,
viele Level durchspielen, bevor man mit dem Leben fertig ist.
Und Nils hatte mit seinen drei Jahren einfach schon das Level erreicht,
an dem man sagt: Perfekt gespielt.
Vielleicht ist das Leben ein Kreis, der geschlossen werden muss.
Vollkommen und Rund.
Vielleicht deshalb.

Kurz und gut finde ich aber auch:
Damit im Himmel nicht nur alte Omas und Opas rumflattern.

Besser, als zu sagen,
weiß ich auch nicht.

9. November

„Ich will, dass er zurück kommt.“

Ausgesprochen von einem Geschwisterkind bin ich erleichtert,
dass es ihn ausspricht und er zerreisst mir gleichzeitig das Herz.
(ich selber verbiete mir diesen Satz, neben WarumWiesollundHätte-Sätzen… )
Was sind für Löcher in die Kinderherzen gerissen worden.

„Wir tun Sternenstaub, Licht und Komposterde rein, ja?
Keine Steine, nix Sperriges, was zwar schnell das Loch stopft, später aber splittert.
Blumen werden daraus spriessen und strahlen wird es. 
Mehr als die Herzen der Kinder, die kein so ein wertvolles Loch haben.“ 

Mir fallen trotzdem direkt dreissig verbotene WarumWiesollundHätte-Sätze ein.
„Alles wird gut“ könnte ich ja schreiben und sagen,
aber der Satz ist auf der schwarzen Liste.
Wie gut, dass die Kinder mich zwingen, mir schöne Dinge auszudenken.