25. August

Ogul

Das erste Taxi will mich nicht von Kreuzberg nach Hause fahren.
Es ist kurz nach 3:00 Uhr.
Nee, zu weit, hab gleich Feierabend.
Er setzt mich an der nächsten U-Bahnstation ab.
Von hier finden sie sicher jemanden, der sie fährt. Sorry.

Ich frage, noch bevor ich in das nächste Taxi einsteige, ob es wirklich ok wäre,
wenn er mich bis nach Falkensse fahren würde, auch wenn das richtig richtig weit ist.
Aber natürlich, meine Dame, was für eine Frage.
Ein großer, breiter Türke mit tätowierten Armen.
Im Auto riecht es nach Red Bull und er bietet mir Süssigkeiten an.
Nein Danke, sage ich, dann ein bisschen SmallTalk.
Warum man so weit raus zieht und so. E-Roller, Kurzstrecken, all dieser Kram.
Dann schweigen wir, ich schaue raus, das nächtliche Berlin zieht vorbei,  die immer noch laue Sommerluft weht durchs offene Fenster rein.
Schlafen sie? Fragt der Taxifahrer auf der Heerstraße.
Nein, gar nicht, antworte ich.
Ich würde mir gern kurz an der Tankstelle was zu trinken kaufen. Wäre das ok für sie? Sicher? Ganz ehrlich?
Natürlich, können sie machen, mir recht.
Soll ich ihnen was mitbringen? Ein kaltes Getränk? Was zu essen?
Nein Danke. (Hatte genug Getränke)
Er kommt zurück und reicht mir eine Tüte.
Ein Schokocroissant, ganz frisch. Bitte, essen sie.
Ich beiße rein, habe zwar keinen Hunger, aber es ist so nett von ihm.
Er erzählt, er hätte einen langen Tag gehabt, jetzt ist auch gleich Feierabend, nein, gearbeitet nicht so lange, aber früh aufgestanden, seiner Frau mit den Kindern und allem geholfen.
Ich frage ihn aus.
Drei Kinder. Ja, noch klein, 12 Monate, zwei und fünf. Nein, alles Mädchen.
Na, sage ich.
Dann wird das vierte sicher ein Sohn.
Er blickt sich kurz um.
Ja.
Es war ein Sohn, er ist zur Welt gekommen und direkt nach der Geburt gestorben.
Vor einer Woche haben wir ihn beerdigt.
Ohnein, sage ich, versuche das Croissant zu schlucken.
Das tut mir leid.
Ja, schlimm. Aber es sollte wohl so sein, er ist nun im Himmel, bei Gott.
Mmmh, antworte ich.
Mein viertes Kind, mein Sohn ist auch gestorben.
Mein herzliches Beileid, antwortet er.
Er war drei? Das ist schlimm.
Aber er ist auch im Himmel, bei Gott. Es geht ihm gut. Glauben sie mir.
Jaja.

Wir schweigen.
Ich frage nach seiner Frau, wie es ihr geht und er meint,
es geht schon, er bringt sie zum Lachen.
Das kann er gut.
Wir reden und schweigen.

Ich sage zu ihm:
Ist es nicht komisch, dass ich in ihr Taxi eingestiegen bin?
Dass wir beide unsere Söhne verloren haben?
Ich glaube, diese Begegnungen sind nicht zufällig, irgendwie nicht.
Kann nicht.

Er meint, nein, sind sie nicht, oder?
Sie haben sich sicher getroffen.
Ihr Sohn hat meinen empfangen, im Himmel und uns zusammengeführt.
Um uns zu zeigen, seht! Alles ist gut.

Ich weine. Ja. Bestimmt ist das so.

Als er anhält, weil wir da sind, bezahle ich.
Hat er einen Namen? frage ich.
Ich habe ihn Sohn genannt. Oğul.
Schön. Das klingt schön, mein Sohn heißt Nils.
Wie der mit den Gänsen.
Auch schön, findet er.
Wir reichen uns die Hand.
Es war mir eine besondere Ehre, sie fahren zu dürfen,
haben sie vielen Dank, und alles Gute in ihrem Leben, sagt er.
Ich danke ihnen, ihnen auch.

Danke.

(echt passiert, gestern)

21 Kommentare zu „25. August“

  1. Danke, dass du diese besondere Begegnung mit uns teilst…auch, wenn ich beim Lesen so weinen musste…wie gut, dass ihr euch begegnet seid…

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  2. Das liest sich tieftraurig und zugleich wunderschön. So stark seid ihr und trotz dieser unmenschlichen Härte, die ihr erfahren musstet so weich geblieben, dass die Welt weiterhin fühlbar bleibt. Dafür bewundere ich euch beide sehr.

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  3. Ich weiß, dass es keinen Grund gibt, warum unsere Liebsten nicht mehr hier bei uns sind.
    Aber dieses Erlebnis kommt einem Grund sehr nahe. Wenn wir uns alle so wahrhaftig begegnen könnten, die Welt wäre ein schönerer Ort.
    Danke fürs Teilen.

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  4. Wie mich das trifft und berührt. Mein Sternenkind ist auch mein viertes Kind und mein einziger Sohn. Yaron.
    Vielen Dank für das Teilen dieser wundersamen Begegnung.

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  5. Es ist so wohltuend und tröstend was da zwischen euch passiert ist.
    Nach dem Tod meines Sohnes sagte mir meine Schwester, dass man ja doch nicht trösten kann, wenn man sein Kind verliert.
    Doch, kann man, habe ich geantwortet …. zuhören, von ihm sprechen, sich erinnern … das lässt ihn in unserer Mitte sein und genau das ist Trost.
    Ich empfinde das jedenfalls so.
    Danke, dass du dein Erlebnis geteilt hast.

    Alles Liebe

    Ulla

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  6. Liebe Melanie,
    danke für das Aufschreiben dieser besonderen Begegnungen. Kurz zieht sich das Herz zusammen und dann wird es ganz weit.
    Liebe Grüße
    Susi

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