17. März

Kortz
Es passiert mir nie, dass ich das Bedürfnis habe, mich zu äußern, über ein Buch.
Ich lese selber gern Meinungen, bilde mir auch mal eine,
aber meist lese ich was, finde es gut, super oder doof und lese das nächste. Aber hier muss ich einfach.

Letzte Woche sprang mich im Handy irgendwo eine Meldung an,
Sarah Kuttner habe ein Buch geschrieben,
in dem es um den Tod eines Kindes geht.
Und da war die mediale Maschinerie schon längst angesprungen:
Nein, sie selbst hätte nicht die Erfahrung gemacht, Ja, den Titel hat sie ganz alleine gestaltet, klar, ein wahnsinnig schwieriges Thema, grundsätzlich kenne sie sehr gut das Gefühl des Verlustes, nicht den eines Kindes, aber….
Ja, sie hat richtig viel erlebt in den letzten Jahren, hier schreibt sie selber drüber auf ihrem Instagram-Account, dort redet sie total toll in einem Podcast. Sie ist nett und lustig und redet gut und schnell. Profi. Und so cool.

Wie mutig, sagt dann der Podcast-Typ im Tonfall „sensibel“, ein Buch, in dem ein Kind stirbt.
Wie mutig?

Ich habe mir innerhalb eines Tages all das reingezogen und das Buch sofort auf mein Digitallesegerät geladen,
weil mein erster Gedanke war:
Ey. Was zur fucking… (und so weiter)
Ich darf das denken, weil ich Mitglied im beschissenen Club derjenigen bin, deren Kind in echt gestorben ist.

… und habe es jetzt gelesen:

Sarah Kuttner ist klug.
Sie schreibt aus der Sicht der Freundin des Vaters, also aus der Stief- , neudeutsch Patchworkmutterperspektive.
Es wird im ersten Teil des Buches viel gevögelt und die wahnsinnig harmonische Beziehung eingeführt.
Das Kind stirbt supersauber, superschnell und superschicksalshaft. Keiner kann was dafür.
Dann wird es komplizierter, Trauerzeug eben,
und ich mag die Protagonistin immer noch nicht.
Aber ich versöhne mich mit ihr und mit der Autorin im letzten Teil des Buches.
Vielleicht, weil sie ganz gut genau da bleibt, wo sie hingehört. An den Rand dieser ausgedachten , viel zu glatten Tragödie. Voll realistisch bemüht, nicht perfekt und mit einigen niedlichen, absolut schönen Gedanken.
Gebumst wird dann auch wieder, puh, ein Glück. Es wird.
Geweint habe ich einmal kurz, als es um kleine Schlüpfer ging, beim Ausräumen des Kinderzimmers,
sonst hat mich die Geschichte nicht berührt.
Und ich glaube, das war es, was mich letztendlich beruhigt und friedlich gestimmt hat.
Mein „ey fucking, was zur …“ war weg.

Alle finden es mega, was man so mitkriegt.
Ein mutiges Buch ist es meiner Meinung nach nicht.
Und niemand muss Angst davor haben, es zu lesen.
(wenn ich solche Kommentare von Menschen lese, kriege ich übrigens Pickel)

Der Tod eines ausgedachten Kindes als fetter Schalter für mediale Aufmerksamkeit.
Chapeau.

Sarah Kuttner “ Kurt“
(selber googeln, ich werbe nicht dafür)

Hat es wer gelesen? Und? Bin ich zu …. ?

6 Kommentare zu „17. März“

  1. Bücher sind Fiktion. Es schreiben auch Leute Bücher über Kriege, ohne je im Krieg gewesen zu sein. Sie machen das gut oder schlecht oder irgendwas dazwischen. Man liest sie, oder man liest sie nicht. Ich finde es nicht per se respektlos. Per se mutig aber auch nicht. Das Buch von Kuttner werde ich nicht lesen, es interessiert mich nicht – entweder ist es wahnsinnig gut, dann ist es beklemmend und schmerzlich, oder es ist nicht so gut, dann bevorzuge ich doch nachdrücklich ein anderes Thema. Fasst mich nämlich viel zu sehr an, weil die Verlustangst in meinem Leben ein ständiger Begleiter ist (habe früh ganz exorbitant scheußlich einen Elternteil verloren und hatte insgesamt früh recht viel mit Verlust zu tun), und seit der Geburt des Kindes ahne ich die Zartheit des Bodens unter mir und die Tiefe des Abgrunds darunter viel deutlicher, als es mir lieb ist. Darin liegt keine Schönheit, und Belangloses will ich darüber nicht lesen, das lohnt nicht, Schmerzliches will ich auch nicht lesen, dann sitze ich wieder stundenlang nachts neben dem Bett und lausche auf den Kinderatem, das ist freaky. Ein Kind zu haben macht einen so maßlos verletzlich, das ist wirklich beängstigender als alles, was ich mir je hätte vorstellen können.

    Was Du über Nils schreibst – ich hätte es niemals „freiwillig“ gelesen, wenn ich nicht Deinen Blog schon lange lesen und lieben würde. Nicht sehenden Auges, nicht gezielt das. Ich lese es, weil es so gekommen ist, weil ich Dich mag, weil ich meinen Impuls, davor wegzuzucken, niederprügle. Weil ich nur eins noch entsetzlicher finde, als wenn jemand sein Kind verliert, und zwar, wenn jemand sein Kind verliert und danach alles nur wegguckt und schweigt und das Thema meidet und nicht berührt, weil es Angst macht und an die Dünne des Bodens erinnert und man auch nicht recht weiß, was man sagen soll zu dem Unvorstellbaren, das für jemanden Wirklichkeit geworden ist.
    Aber über ein ausgedachtes totes Kind im Zentrum einer Geschichte lese ich nichts. Es interessiert mich nicht besonders, wie Kuttner sich das so vorstellt. Ich nehme es ihr auch nicht krumm. Sie hat wohl im Grunde eher über eine Paarbeziehung geschrieben als über den Tod eines Kindes. Sie hat selbst kein Kind, und ich glaube, sie kann sich nicht nur den Tod eines Kindes nicht wirklich vorstellen, sondern nicht einmal die Angst davor. Konnte ich selbst jedenfalls nicht, als ich noch kein Kind hatte. Sie hat einfach eine Geschichte geschrieben, für die ich mich nicht interessiere. Mich irritiert die Themenwahl ein bisschen, muss ich zugeben, weil es ein sehr existenzielles Thema ist, zu dem sie wenig Bezug hat, aber solange sie selbst sagt, es ist eine Geschichte, und nicht sagt, hey, ich und der tiefe Einblick haben uns zusammengetan und Literatur geschaffen, die euch in den Grundfesten erschüttern wird – so what.
    So ein medialer Zirkus nervt aber schon. Mutig – nee, das ist echt Unfug.

    Liebe Grüße
    Maike

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    1. Ich fände es prächtig,
      ein Buch von DIR zu lesen,
      liebe Maike.
      Herzlichst Sandra

      Ps.: möchte bitte auch nicht den Kuttner-Schmöker lesen. Aus oben genannten Gründen.

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  2. Liebe Melanie,
    das ist ein Kommentar zu Deiner Buchkritik, zu Sarah Kuttners Buch.
    Ich finde nicht, dass Du „zu … “ bist.
    Vor einer Ewigkeit habe ich den Film Trainspotting gesehen. Das war lange bevor ich eigene Kinder hatte und auch nur theoretisch darüber nachdenken konnt, wie es wäre, wenn der Katastrophenfall einträte.
    Trainspotting wurde für seine schnelle Erzählweise gefeiert, der das Lebensgefühl junger, urbaner, genussfreudiger Menschen treffend wiedergibt. Es werden viele Drogen genommen, die Farben explodieren, die Bässe wummern und am Ende einer solchen Sequenz liegt das Baby einer der Hauptdarstellungen leblos auf dem Teppich und blickt mit starren Augen in die Kamera.
    An dieser Stelle bin ich aus dem Kino gegangen.
    Ja, dieser Kindstot veranschaulicht drastisch, wie nah Ekstase und Trauer beieinander liegen können. Und die Themen Verantwortung und Schuld springt einen an, ein treffendes Bild, handwerklich sauber.
    Ich finde aber, es ist ein teuer erkaufter Effekt. Die Drehbuchautoren machten es sich leicht. Sie umschiffen die tatsächlich unauslotbare Tragik und nutzen den Tod eines Säuglings, um einen Wendepunkt im Film herbeizuführen.
    Ich kann nur vermuten, dass die Ahnungslosigkeit sie unbefangen machte.
    Sarahs Kuttners Buch ist dann wohl nichts für mich. Danke für Deine Buchkritik.

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  3. nein, du bist nicht zu …. im gegenteil.

    mich hat das buch…… leer und enttäuscht zurückgelassen. bin mit genau so viel spannung und erwartung in das buch gestürzt.

    das buch ist auf seltsame weise …. belanglos. hat mich wenig be- und gerührt. zu gefällig geschrieben, als dass der riss im leben rüberkommt.

    mutig ist da wenig.

    im gegenteil. brandenburger befindlichkeiten, zeitgenössische idylle allenthalben, wohlfühlprosa für thirtysomethings, plätschernde kalauer wie „tonlose songs als summen im kopf“ … alles gekonnt glatt gebügelt.

    nicht meins, das buch.

    warum finden es so viele mega? absolutes rätsel…..help!

    r.

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